30. Kongress der DGI in Hamburg

Wissenschaftliches Programm gestartet

Mit einem launigen Eröffnungsvortrag von Prof. Dr. Dr. Wilfried Wagner über „Erfolge und Misserfolge in der Implantologie“ startete am Vormittag das Hauptprogramm der aktuellen Jahrestagung der DGI. In zahlreichen parallelen Vortragsräumen widmete man sich dem Kongressthema der Qualitätssicherung.



Wagner blickt zum Auftakt auf vier ereignisreiche Jahrzehnte mit 24 von ihm selbst „erlebten“ Implantatsystemen zurück. Implantologie habe, so betonte Wagner, eine präventive Aufgabe: Knochen und Weichgewebe müssten stabil sein, nur dann gebe es die gewünschte Langzeitperspektive. Und Wagner stellte heraus, dass viele Fehler iatrogen verursacht seien – also durch den Behandler. Er belegte dies vornehmlich mit eigenen Misserfolgen, die er zum Teil mit großer Selbstironie unterhaltsam kommentierte. Und Wagner deutete an, dass als neue Herausforderung für das Fach das Thema der patientenzentrierten Endpunkte anstehe. Künftig müsse man bei der Betrachtung von Erfolg oder Misserfolg die subjektive Indikatoren der Patientenwahrnehmung einbeziehen. Und das werde, meint Wagner, eine große Herausforderung für die Implantologie.

Wie relevant Patientenselektion für den Erfolg einer Implantatherapie ist, unterstrich Prof. Dr. Dr. Henning Schliephake, Göttingen. Habe man es mit ausgeprägten Parodontopathien zu tun, sei eine Implantatversorgung nur dann perspektivisch erfolgversprechend, wenn ein enges Recall eingehalten werden könne. Das Risiko bei Patienten mit Gabe von Antikoagulantien erfordere, dass die INR unbedingt im therapeutischen Bereich sein müsse.

Von der plastischen Chirurgie lernen

Prof. Dr. Markus Hürzeler, München, der Lappendesign und Wundverschluss  als Thema hatte, riet dazu, 7.0-Nähte zu nehmen und diese nicht zu eng zu legen – wegen der postoperativen Schwellung. Das etwa könne man von der plastischen Chirurgie lernen. Und Prof. Dr. Florian Beuer, Berlin, der sich mit der prothetischen Frage von Verschrauben vs. Zementieren befasste, gab folgenden Tipp mit auf den Praxisweg: „Ätzen Sie Immer selbst, verlassen Sie sich diesbezüglich nie auf andere!“

Angefangen von Zementieren versus Verschrauben, Knochenersatzmaterialien versus autologer und/oder allogener Knochen, bis hin zu dem Potenzial neuer Biopolymere – im Forum Wissenschaft präsentierten die Referenten eine ganze Palette aktueller Studien zu patientenorientierten Therapieansätzen.  Dass der Trend klar zum Verschrauben geht, machte PD Dr. Sönke Harder, München, deutlich: „Ich bin der Verschrauber, ich zementiere nur, wenn ich das wirklich muss.“ Bestimmte Implantat-Angulationen ließen beispielsweise keine Schraubenkanäle zu, dann komme auch er am Zementieren nicht vorbei.

Weniger Chipping beim Verschrauben

Hinsichtlich der Überlebensraten zeigen sich zwar keine signifikanten Unterschiede zwischen dem verschraubten und zementierten Suprakonstruktionen. Mit Blick auf die gefürchteten Periimplantiden durch Zementreste sei das Verschrauben aber zu bevorzugen. Während mit Blick auf die technischen Komplikationen bei zementierten Restaurationen die Schraubenlockerung überwiegen, tritt keramisches Chipping häufiger bei verschraubten Versorgungen auf. 

Ist allogen das neue autolog? Wenn es nach Dr. Kai Zwanzig aus Bielefeld geht lautet die Antwort ja. Er ist geradezu begeistert von der für den Patienten minimalinvasiven Augmentation mit allogenem Material. In seiner Praxis habe er zunächst kleinerer Defekte so augmentiert, wage inzwischen aber immer mehr, auch Extremfälle, die er in Hamburg präsentierte. In einem Fall fehlte der ortsständigen Knochen komplett. Mit allogenem Knochenmaterial und aktivem Weichgewebsmanagement schaffte er sich „sein Implantatlager“. Die histologischen Untersuchungen zeigten eindrucksvolle Ergebnisse.
Aufgrund der stringenten Spenderauswahl – „wer ein Tattoo hat darf nicht spenden“ – sei das Material sicher und Infektionen ausgeschlossen, betonte Zwanzig.

Erhöhung des Weichgewebes

Dem Thema Biomaterialien als Weichgewebsersatz widmete sich PD Dr. Daniel Thoma aus Zürich. Und auch PD Dr. Arndt Happe, Münster, rückte die Erhöhung des Weichgewebes, speziell bei Sofortimplantationen, in den Fokus. Goldstandard für mehr Weichgewebsvolumen ist das autologe Bindegewebstransplantat. Aber es auch maximal invasiv.  Mehr Volumen um Implantate bringen auch Präparate „aus der Schachtel“, wie beide Referenten darlegten. Noch sei die Datenlage allerdings nicht ausreichend, Langzeitdaten fehlten, hieß es.

Andrang im Forum Implantatprothetik

Großes Interesse gab es am Forum Implantatprothetik und Zahntechnik. Der Raum platzte bereits kurz nach Kongresseröffnung aus allen Nähten. Teilweise mussten die Kongressteilnehmer auf dem Boden sitzen. Kein Wunder. Ist doch die Zusammenarbeit zwischen Zahnarzt und Zahntechniker eine der wichtigsten, gerade in der aktuellen Zeit mit den vielen technischen Entwicklungen. Das betonte Dr. Christian Hammächer, Aachen, bereits bei der Begrüßung  zum Start der Session.

Zu Beginn stand das Thema Doppelkrone im Fokus. Diese scheint dabei nicht nur sehr erfolgreich, sondern auch typisch deutsch („german crown“) zu sein, wie Prof. Dr. Axel Zöllner, Witten, erklärte. Das liege vermutlich an der Präzision in Deutschland, vermutete er. Aussagen zur Materialwahl und der richtigen Methode konnte Zöllner nicht machen. „Es gibt einfach keine Evidenz für dieses Thema.“
ZTM Wolfgang Weisser, Essingen, sprach deshalb über 34 Jahre Erfahrungen mit Doppelkronen. Er bevorzugt den traditionellen Weg. „Die Goldversorgung bleibt mein Favorit“, sagte Weisser. Über herausnehmbare Prothetik auf Doppelkronen sprach ZTM Carsten Fischer, Frankfurt am Main. Sein Tipp: Ruhig die technischen Möglichkeiten der digitalen Zahntechnik nutzen. „Aber hüten Sie sich vor geschlossenen CAD/CAM-Systemen!“

Vollkeramik für Einzelzahnversorgungen und kleine Brücken

Vollkeramik wird immer mehr zum Material der Wahl – nicht nur bei der Prothetik sondern auch als Option bei Implantaten. Das zeigte PD Dr. Wael Att, Mainz. Noch würden aber Langzeitstudien fehlen. Für einteilige Keramikimplantate gebe es wenig Evidenz. Die Studienlage bei zweiteiligen sehe noch düsterer aus. „Hier gibt es gerade drei Studien“, so Att. Indikationen sieht er vor allem bei Einzelzahnversorgungen und kleinen Brücken. Vorsicht aber bei durchmesserreduzierten Keramikimplantaten. „Diese brechen Ihnen ab.“
Hammächer und ZTM Volker Weber, Aachen, diskutierten zudem die Frage zementieren oder verschrauben? Ein Plädoyer für eine Methode wollten sie nicht halten. „Wir tendieren aber in der Praxis vermehrt zum verschrauben“, sagte Hammächer.

Digitale Zahnheilkunde: Was ist möglich – was macht Sinn? Diesem Thema widmete sich PD Dr. Jan Frederic Güth, München. Vor allem die Implantatprothetik ist für ihn eine Domäne der digitalen Zahnheilkunde. Das Umdenken beginne. Durch die Fusion von STL und DICOM  eröffneten sich völlig neue Behandlungsoptionen, erklärte er. Ein Beispiel für diese neue Denke sei das Münchner Implantatkonzept, ein Standardprozedere für Einzelzahnimplantate und deren prothetische Versorgung.

Digitale Versorgung

Direkt nach der Insertion des Implantats werde bei offener Wunde und primärstabilem Implantat ein Scanpfosten oder Scankörper aufgeschraubt und dann mittels Intraoralscan (puderfrei) die Implantatposition transferiert. Anschließend wird der Scankörper entfernt, die Wunde geschlossen, es kommt zur geschlossenen Einheilung. Beim Wiedereröffnen kann man direkt die fertige Krone einsetzen, die in der Zwischenzeit CAD/CAM-gefertigt im Labor hergestellt wurde.

Das Konzept funktioniere bei Einzelzahnersatz nachweislich. Für die digitale Abformung verblockter Arbeiten auf Implantaten und Stegarbeiten seien noch weitere Studien notwendig, um in vivo die Gesamtkieferpräzision und -richtigkeit zu bestimmen. Fest steht: Die Genauigkeit eines Inraoralscans hängt sehr stark davon ab, welche Scanstrategie angewendet wird, und letztlich auch davon, wie sich eine Scanstrategie im Mund umsetzen lässt.