Prävention ist Teamarbeit


© Adobe Stock/buravleva_stock


Die Prophylaxe gehört flächendeckend zum Leistungsspektrum in den Praxen. Doch nur wenn sie gut strukturiert gelebt wird, lässt sie sich zu einer Schwerpunktleistung entwickeln. Dentalhygienikerin Sylvia Fresmann aus Dülmen begleitet seit vielen Jahren Praxen auf dem Weg zum Gesundheitsdienstleister und weiß, warum eine Präventionsphilosophie wichtig ist für ein erfolgreiches Prophylaxekonzept und dass eine gute Praxisorganisation sowie Wertschätzung für ein gutes Praxisklima sorgen.

Was fasziniert Sie persönlich an der Prophylaxe?
Sylvia Fresmann: Prävention ist der Schlüssel zu einer langfristigen Gesundheit. Karies, Gingivitis und Parodontitis können vermieden beziehungsweise ein Fortschreiten verhindert werden, wenn eine risikoorientierte präventive Betreuung in der Praxis bei gleichzeitig effektiver häuslicher Mundhygiene gegeben ist. Der nachhaltige Erfolg motiviert Patienten und uns gleichermaßen – es ist schön, wenn wir sehen, dass sich die Befunde der Patienten durch präventive Maßnahmen und auch das Mundgefühl der Patienten verbessern. Wir können mit Prävention viel erreichen – wir müssen es nur strukturiert tun!

Sie engagieren sich seit vielen Jahren für eine systematische Prophylaxe in den Praxen. Ist Prophylaxe mittlerweile eine Selbstverständlichkeit in den Praxen?
Fresmann: Mittlerweile ist die präventive Betreuung Alltag in den Praxen. Viele Praxen haben sich viele Gedanken gemacht und sind gut strukturiert – andere wiederum haben kein individuelles Konzept. Hier gibt es tatsächlich immer noch Themen seitens der Praxis bezüglich des Preises, der Behandlungszeit, der Behandlungsdauer oder auch der Fort- und Weiterbildung der Mitarbeiter.

Wie sehen die Eckpfeiler eines erfolgreichen Prophylaxe-Konzepts aus?
Fresmann: Von entscheidender Bedeutung ist es, dass eine Präventions-Philosophie entwickelt und vom gesamten Praxisteam akzeptiert und gelebt wird – Prävention ist Teamarbeit!
Professionelle und standardisierte Behandlungsabläufe in der Prävention sind die Grundlage für weitere individuelle Behandlungskonzepte, die auf der Anamnese, den individuellen parodontalen Befunden/Indices und Risiken des Patienten basieren.

Klinische Parameter und individuelle Risikofaktoren bilden dabei die Basis für eine individuelle Risikoeinschätzung des Patienten mit anschließender individueller Therapie- und Behandlungsfestlegung. Je nach ermittelten Befunden erfolgt die Zuordnung des Patienten zu einer von drei Risikogruppen. Die Skalierung der Parameter erfolgt in den Stufen niedriges, mittleres und hohes Risiko. Daraus ergeben sich die Empfehlungen für individuelle Recall-Frequenzen und Therapiemaßnahmen:

  • Niedriges Risiko: Dentalhygiene­sitzung alle 6 Monate
  • Mittleres Risiko: Dentalhygiene­sitzung alle 4 bis 5 Monate
  • Hohes Risiko: Dentalhygienesitzung alle 3 Monate

Eine erneute Risikoeinstufung nach circa einem Jahr bietet die Möglichkeit, Veränderungen beziehungsweise den Behandlungserfolg zu dokumentieren und zu vergleichen. Ein kontinuierliches Risikomanagement mit konsequenter Durchführung der Dentalhygienesitzung in risikoorientierten Zeitabständen kann bei den meisten Patienten Parodontitis verhindern oder die parodontalen Verhältnisse über längere Zeiträume stabilisieren.

… und woran hapert es noch in vielen Praxen?
Fresmann: Häufig fehlt ein Konzept, damit Prävention als ein Schwerpunkt der Praxis sichtbar wird – für Patienten und für die Mitarbeiter. Wenn präventive Betreuung nicht sofort jedem Patienten angeraten wird, fehlen die Ankerpunkte. Wie gesagt: Prävention ist Teamarbeit und kann nur mit einem abgestimmten Vorgehen zum Erfolg führen.

Welche Lösungsansätze sehen Sie?
Fresmann: Individuelle Coachings können helfen, ein gutes Konzept zu erarbeiten und umzusetzen. Ausgangspunkt ist immer ein Blick in die Praxissoftware. Dieser verrät, in welchen Bereichen die Praxis Defizite hat. Ein Beispiel aus meiner Praxisberatung macht deutlich, was ich meine: Im vergangenen Jahr habe ich in einer Praxis festgestellt, dass die Parodontitis-Prävalenz bei den GKV-Patienten erwartungsgemäß hoch war, also abgerechnete Leistungen der PAR-Richtlinie. Jedoch wurde bei den privat versicherten Patienten kein Parodontalstatus oder PSI durchgeführt und natürlich auch keine Parodontitis-Behandlung.

Mit Hospitationen bei den Behandlungen und Team-Workshops haben wir dann diese Defizite aufgearbeitet und natürlich die Abrechnung der GOZ-Patienten im Bereich Parodontitis-Behandlung auf die abgestimmten Analog-Positionen umgestellt. Das Ergebnis konnte sich sehen lassen. Manchmal ist der „Blick von außen“ ein guter Weg, Defizite aufzudecken und zu bearbeiten.

Welche Aspekte sind für ein patientenindividuelles Prophylaxe-Konzept zu berücksichtigen?
Fresmann: Professionelle Prävention benötigt darüber hinaus klare organisatorische Regelungen und Prozessbeschreibungen, auf deren Grundlage dann beispielsweise Investitionsentscheidungen, Wirtschaftlichkeitsberechnungen und Personalauswahl erfolgen müssen.

Eine „Prophylaxe light“, die nur nebenbei durchgeführt wird, hat kaum Chancen, sich zu einer neuen Kernkompetenz der Praxis zu entwickeln. Potenziale bleiben ungenutzt.

Ein konkreter Tipp rund um den Prophylaxe-Alltag: Was läuft in der häuslichen Mundhygiene am häufigsten schief?
Fresmann: Ein großes Defizit ist die Zahnzwischenraumreinigung. Wir sehen viele Patienten, die erst nach unserer Beratung damit beginnen. Aber es ist sehr schwierig, eine Zahnzwischenraumreinigung in den gesamten Zahnputzablauf zu integrieren. Es gelingt nur in den seltensten Fällen, Gewohnheiten mit nur einer Beratung umzusetzen.

… und wie bringen Sie diese Patienten dazu, ihr Verhalten zu ändern?
Fresmann: Grundsätzlich instruieren wir unsere Patienten in kleinen Schritten. Um bei dem Beispiel der Zwischenraumreinigung zu bleiben: Zunächst zeigen und üben wir die Zahnzwischenraumreinigung in der Prophylaxebehandlung. In dieser Sitzung besprechen wir mit dem Patienten das Vorgehen und das Ziel für die nächste Sitzung. Konkret empfehlen wir im ersten Schritt nur die Zwischenräume in der Unterkieferfront jeden Abend sehr konsequent zu reinigen. Erst wenn das gut klappt, kann der Patient jeden Abend ein oder zwei Zwischenräume dazu nehmen. So gewöhnt er sich daran und es entstehen keine Barrieren, wie beispielsweise bei einem Abknicken des Bürstchens oder einer starken Blutung.

Insgesamt sind die Instruktion und Motivation der Patienten ein dauerhafter Prozess, der in den Prophylaxe-Sitzungen immer weiter verstärkt wird. Empfehlungen erfolgen nur Schritt für Schritt, ohne die Patienten zu überfordern, und die weiterführenden Anleitungen führen dann sehr häufig zum gewünschten Erfolg.

Für welche Risikogruppen ist die Zusammenarbeit mit Allgemeinmedizinern wichtig? Und haben Sie dafür eine praktische Empfehlung?
Fresmann: Unsere Patienten werden älter. Damit verbunden sind mögliche Allgemeinerkrankungen beziehungsweise Multimedikationen. Daher ist eine regelmäßige Anamneseerhebung von enormer Bedeutung. Zahlreiche Allgemeinerkrankungen haben einen Einfluss auf die Mundgesundheit oder umgekehrt – ein gutes Beispiel ist hier der Diabetes.

Wir wissen, dass der Diabetes eine entscheidende Rolle bei der Parodontitis-Therapie spielt und dass diese Erkrankung sogar die Frequenz der UPTs beeinflusst. Dennoch ist die Zusammenarbeit der Zahnarztpraxen mit Diabetologen eher eine Seltenheit und müsste vielmehr institutionell verstärkt werden. Warum werden Diabetes-Patienten nur zum Augenarzt geschickt und zum Podologen, warum nicht routinemäßig auch zum Zahnarzt? Und: Warum geht es in den Diabetes-Schulungen der Patienten nicht um ihre Mundgesundheit?

Fragen über Fragen, aber das zeigt uns: Unser Gesundheitssystem ist krank. Die Abläufe werden nicht hinterfragt oder für wichtig genug erachtet. Ähnliches gilt auch für Parkinson-Patienten und, und, und. Als ich vor zehn Jahren bei einem Diabetes-Kongress vor Ärzten einen Vortrag hielt, war das Interesse zwar groß. Man hatte auch in der einen oder anderen Fachzeitschrift darüber gelesen, doch das „Aber“ der Ärzte lautete: Es wäre so wenig Zeit im Praxisalltag, weil zu viele Patienten und eine zu hohe Krankheitslast. Ja, das wird auch so bleiben, wenn wir nichts verändern.

Ich weiß, dass in vielen Zahnarztpraxen ebenso gedacht wird. Nun versuchen wir mit Ärzten zusammen zu arbeiten, ­jedoch mit mäßigem Erfolg. Vielleicht liest man im Gesundheitsministerium ­unsere Fachliteratur. Mein Appell geht hin zu einer „verordneten Zusammenarbeit“, damit würde es etlichen Patienten besser gehen.

Noch eine Frage zum Thema Praxisorganisation: Planbare Arbeitszeiten sind der Wunsch vieler Praxismitarbeiter. Wie klappt das in „Ihrer“ Praxis?
Fresmann: Wir sind eine große Praxis und arbeiten seit vielen Jahren in einem Schichtbetrieb. Das hat große Vorteile für uns alle. Wochenweise wechseln alle Mitarbeiter von einer Frühschicht, 7 – 14 Uhr, in eine Spätschicht von 14 – 21 Uhr. Dieses System hat sich bewährt, da man in diesem Arbeitsrhythmus Privatleben und Arbeitsleben in der Praxis perfekt kombinieren kann. Einige Kollegen lieben den Frühdienst, da man dann den ganzen Nachmittag zur Verfügung hat, andere wiederum sind eher das Team Spätdienst, da der Tag dann entspannter beginnt. Auf jeden Fall eröffnet der Früh- und Spätdienst viel zusammenhängende Freizeit.

Früher habe ich in einer Praxis mit einer längeren Mittagspause gearbeitet. Das waren lange Arbeitstage, da die Mittagspause recht lang war, aber eigentlich zu kurz, um etwas, zum Beispiel Arztbesuche oder Sport, zu erledigen. Das ist bei uns mit den Schichtdiensten viel besser!

Die Organisation ist allen sehr wichtig. Durch den Schichtdienst sehen sich manche Kollegen nur kurz bei Übergabe von der Früh- zur Spätschicht. Deshalb wird alle sechs Wochen ein sogenannter Praxistag durchgeführt, an dem keine Patienten bestellt werden. So haben wir Zeit für ein Meeting mit dem gesamten Team und auch Besprechungen oder Fortbildungen in den einzelnen Abteilungen. Es ist extrem wichtig, dass alle gleichermaßen informiert sind und auch den Weg beziehungsweise die Strategie der Praxis kennen und leben. Denn über allem steht: Die Patienten und wir als Team sollen uns in der Praxis wohl fühlen.

Wohlfühlen ist ein gutes Stichwort. Welche Soft-Skills spielen für Sie eine Rolle?
Fresmann: Das Verhältnis zu unseren Chefs ist sehr freundschaftlich. Beide haben immer ein offenes Ohr für uns Mitarbeiter. Wir können mit ihnen selbst über „schwierige“ Themen sprechen, weil sie uns das Gefühl von Wertschätzung geben und wir auf Augenhöhe miteinander reden können.

Herzlichen Dank für das informative Gespräch,
Frau Fresmann.

„Häufig fehlt ein Konzept, damit Prävention als ein Schwerpunkt der Praxis sichtbar wird – für Patienten und für die Mitarbeiter.“
Sylvia Fresmann, Dental Hygienist B.Sc.