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Zahnärztetag: Ein Blick in die Zukunft

Herausforderungen und Visionen in der Zahnmedizin - einen Blick in die Zukunft warfen die Referenten beim 60. Zahnärztetag der Zahnärztekammer Westfalen-Lippe am vergangenen Wochenende in Gütersloh. Bei vielen Vorträgen stand der ältere Patient in der Praxis im Fokus.



Wo ist der Platz der Implantologie? Diese Frage versuchte Tagungspräsident Prof. Dr. Dr. Henning Schliephake mit seinem Vortrag zu beantworten. Wie bei nahezu allen Referenten schwebte dabei das Thema demografischer Wandel über allem: Die Patientenstruktur ändere sich und es stelle sich die Frage, ob alle Menschen für implantologische Lösungen geeignet sind. „Mukositis, Wangen- und Zungenbeißen, Druckstellen, Sprach- und Adapationsprobleme sind Komplikationen, die vermehrt im Alter auftreten“, sagte Schliephake. Das steigende Lebensalter der Patienten erfordere somit die Einbeziehung einer Reihe von Komorbiditäten in die implantologische Therapie. Es sei ebenfalls zu erwarten, dass die Einnahme von Bisphosphonaten in der Therapie der Osteoporose in Zukunft einen wichtigen Begleitfaktor darstellen werde. „Jeder dritte über 60 und jeder zweite über 75 ist von Osteoporose betroffen – Bisphosphonate sind schlecht für die Knochensubstanz im Kiefer, Knochennekrosen können entstehen“, erklärte Schliephake. Ein sorgfältiges Monitoring sei unbedingt erforderlich. Minimalinvasive Therapiekonzepte könnten bei günstigen Hart- und Weichgewebeverhältnissen die chirurgische Morbidität deutlich senken. Die Präzision für eine präfabrizierte CAD/CAM-basierte prothetische Versorgung sei jedoch oftmals nicht ausreichend. Die steigende Prävalenz von periimplantären Erkrankungen ließe einen Anstieg der Erhaltungstherapiemaßnahmen erwarten. „Die Champagnerstimmung in der Implantologie ist vorbei“, resümierte der Tagungspräsident.

Quo vadis CAD/CAM?

Prof. Dr. Bernd Wöstmann von der Universität Gießen gab den Teilnehmern ein Update zum Thema digitale Abformung: „Auf der IDS bekommt man mittlerweile den Eindruck, alles besteht nur noch aus digitaler Abformung. Woher kommt dieser Hype eigentlich?“, fragte Wöstmann. In dreißig Jahren seit Einführung der Technik seien nur rund 30 000 Cerec-Systeme weltweit verkauft worden. Der Hype ergebe sich aus dem Wunsch nach hochästhetischem und metallfreiem Zahnersatz, also nach Zirkonoxid. Dies mache die CAD/CAM-Anfertigung notwendig. „Momentan haben die digitalen Verfahren die Nase leicht vorn“, sagte Wöstmann. Es liege nun an den Herstellern, die Systeme weiter zu verbessern und vor allem auch günstiger anzubieten. Ein wesentliches Problem sei die Verwendung von Puder. „Die Cerec Omnicam arbeitet ohne Puder und stellt alles in Farbe dar – die Genauigkeit kommt allerdings nicht an die Bluecam heran“, sagte Wöstmann. Die Zukunft in der Entwicklung seien konfokale Systeme, die ohne Puder auskommen und trotzdem eine sehr hohe Genauigkeit böten. „Trotz allem stehen wir heute erst am Anfang. Intraorale Scansysteme haben zwar bereits einen hohen Standard erreicht, viele Probleme sind aber noch nicht abschließend gelöst. Es bleibt die Herausforderung der Hersteller, weitere Verbesserungen bereit zu stellen und die Einsatzbreite der Verfahren in der Praxis zu erweitern“, fasste Wöstmann zusammen.

Die Zukunft der minimalinvasiven Füllungs- beziehungsweise Kariestherapie erörterte Prof. Dr. Roland Frankenberger aus Marburg. „Die Nachhaltigkeit der Füllungstherapie ist sehr wichtig – der Anspruch bei Arbeiten mit Komposit sollte bei zehn Jahren Haltbarkeit liegen“, sagte Frankenberger. Der Einsatz des Bohrers sei das größte Risiko für die Pulpa. Daher zeigte sich der Direktor der Abteilung für Zahnerhaltungskunde der Philipps-Universität begeistert von der Kariesinfilitration – „Füllen und Bohren kann man später immer noch.“ Es dauere im Schnitt bis zu acht Jahre, bis die Karies durch den Zahn durchbricht. „Wir haben also lange Zeit für die Prävention, bevor wir den Bohrer schwingen“, sagte Frankenberger. Im Sinne des Patienten machte er auch den sogenannten „Redentistry Cycle“ aufmerksam: Bei einem Zahnarztwechsel würde häufig alles neu gemacht. Das bedeute auf lange Sicht einen stetigen Verlust der Zahnhartsubstanz. Mit minimalinvasiven Methoden bleibe die Chance des Patienten erhalten, seine eigenen Zähne so lange wie möglich zu erhalten.

Zahnerhalt im Alter – Was muss ich tun?

Prof. Dr. Sebastian Paris von der Berliner Charité nannte die Herausforderungen des Zahnerhalts im Alter: Parodontaler Abbau, freiliegende Wurzeloberflächen, die eingeschränkte Fähigkeit zur Mundhygiene, verstärkt kariogene Kost und eingeschränkte Therapiefähigkeit – die inhomogene Gruppe der alten Patienten vom sogenannten “Best-Ager” bis zu höchst pflegebedürftigen Menschen bringt viele potentielle Gefahrenquellen mit in die Praxis. Aufgrund der freiliegenden Wurzeloberflächen und der Anfälligkeit der Zahnhartsubstanzen sei im Alter vor allem die Wurzelkaries ein häufig auftretendes Problem. “Eine hohe Präventionsorientierung und die Schonung der Zahnhartsubstanzen sind die wichtigsten Maßnahmen in dieser Altersgruppe”, sagte Paris. Auch die Konzentration auf einfache Lösungen und eine gewisse Kompromissbereitschaft seien wichtig – “Was wir an der Uni gelernt haben, funktioniert bei diesen Patienten nicht immer.” Gegebenenfalls müsse man auch im individuellen Fall auf den Zahnerhalt verzichten. Durch die intensive Prävention könne man Zeit gewinnen und die ersten invasiven Maßnahmen möglichst weit hinaus zögern – Prothetik so gut es geht vermeiden. Risiko-orientierte präventive und kurative Ansätze seien zu bevorzugen.