Füllungstherapie

Das einfarbige Chamäleon-Komposit in der Praxis

Die Erwartungen an moderne Füllungsmaterialien sind enorm: Die Handhabung soll schnell und einfach, die Polymerisationsschrumpfung und Techniksensibilität gering, Farbauswahl schnell und unkompliziert sein. Unmöglich? Keineswegs, wie drei Fallbeispiele zeigen.


Chamäleon-Komposit

Abb. 1 Die Röntgentransparenz ist mit der der meisten Verbundwerkstoffe vergleichbar. © Verhofstadt


Der Trend ist eindeutig. Einige Dentalhersteller haben in den letzten Jahren ihre Farbpalette für Komposite reduziert. Die Einschränkung der Farbpalette hat auch ökologische Gründe, denn in der Praxis sind viele Kompositfarben nur selten indiziert und überschreiten daher ihr Verfallsdatum. Aber statt einer reduzierten Komposit-Farbpalette nur noch eine Farbe? Ist dies möglich? Dieser Herausforderung, eine Kompositfarbe für alle Zahnfarben zu entwickeln, hat sich der japanische Hersteller TOKUYAMA DENTAL gestellt. Seit fast einem Jahr ist das innovative Chamäleon-Komposit OMNICHROMA FLOW mit „1000 Farben Weiß in 1 Tube“ auf dem deutschen Markt. Als das Material Anfang 2021 eingeführt wurde, hatten wir es bereits in unserer Praxis ausgiebig vorab testen können.

Nach Angaben des Herstellers benötigt man nur eine Universalfarbe, um die gesamte Farbskala von A1 bis C4 Vita mit einer Spritze Komposit abzudecken. OMNICHROMA FLOW ist ein idio-chromatisches Komposit, basierend auf einem UDMA/TEGDMA-Monomer und einem 260 nm großen Silikat- und Zirkoniumfüllstoff. Es ist an der Zeit, die praktischen Erfahrungen von drei Zahnärzten mit diesem Komposit zu schildern. Die Ergebnisse geben nur die Meinung dieser Anwender wieder. Sie sind eine Orientierungshilfe und basieren nicht auf Repräsentativität.


OMNICHROMA FLOW und OMNICHROMA FLOW Blocker

OMNICHROMA FLOW von der japanischen Firma TOKUYAMA DENTAL ist ein lichthärtendes, röntgenopakes Komposit. Es eignet sich laut Hersteller für die direkte Restaurationstherapie, für Kompositverblendungen und Diastemakorrekturen. OMNICHROMA FLOW wird als einfarbiges Material in Spritzen angeboten. Nach Angaben von TOKUYAMA DENTAL wird das eigene Adhäsivsystem empfohlen, allerdings ist das Komposit auch vollständig kompatibel mit allen gängigen Adhäsivsystemen des Wettbewerbs. OMNICHROMA FLOW ist für die Lichthärtung mit Halogen- oder LED-Licht mit einer Wellenlänge von 400–500 nm geeignet. Bei Keramikreparaturen, Zahnverfärbungen und großen Kavitäten der Klassen III und IV wird OMNICHROMA FLOW Blocker empfohlen und ist notwendig, um ein akzeptables ästhetisches Ergebnis zu erzielen. Andernfalls ist das ausgehärtete OMNICHROMA FLOW optisch dunkel und transparent, wenn es z. B. bei einer großen Kavität nicht ausreichend von einer Kavitätenwand umgeben ist. Die Farbanpassung von OMNICHROMA FLOW basiert nach Angaben des Herstellers auf der Smart Chromatic Technology.

„Smart Chromatic Technology“

Die beeindruckenden ästhetischen Eigenschaften des Komposites basieren auf der Materialtechnologie. TOKUYAMA DENTAL hat den anorganischen Füllstoffpartikeln im Komposit einen gleichen Kugeldurchmesser von exakt 260 nm gegeben. Dieses kugelförmige Material mit einem Füllstoffanteil von 79 Gew.-% ist so dicht und gleichmäßig angeordnet, dass diese spezielle Partikelgröße, -verteilung und -form in der Verbundmatrix dafür sorgt, dass das einfallende Licht im Rahmen eines physikalisch-lichtoptischen Effekts ausschließlich in einem rot-gelben Wellenlängenbereich zurückreflektiert wird. Nur in diesem ausgewählten Farbbereich des sichtbaren Lichts entsteht dieser Effekt und entspricht genau der Farbe des Zahns, genauer gesagt dem Lichtwellenbereich der natürlichen Zähne. Dadurch kommt es nicht zu einer „subtraktiven Farbmischung“ des sichtbaren Lichts, sondern das Kompositmaterial kann selbstständig die vorherrschende Zahnfarbe des umgebenden natürlichen Zahnmaterials in einer Art „Super-Chamäleon-Effekt“ annehmen.


Praktische Tipps zum Chamäleon-Komposit aus der Praxis

Drei Zahnärzte dokumentierten Restaurationen im Front- und Molarenbereich und eine Diastemakorrektur im Frontbereich. So lauten ihre Tipps:

  • Die Schichtdicke sollte nicht zu tief sein, da sonst der Chamäleoneffekt verschwindet. Klasse IV eignet sich besonders für Zähne mit heller Farbe.
  • Der OMNICHROMA FLOW Blocker sollte nicht zu dünn aufgetragen werden. Auch bei leichten Verfärbungen ist esam besten, einen Blocker zu verwenden.
  • Am besten wird der Blocker auch bei inzisalen/interdentalenRestaurationen verwendet.
  • Es ist nicht notwendig, Blocker für vestibuläre Restaurationen zu verwenden.
  • Amalgam-Tätowierungen und Endokavitäten können mit einem Blocker abgedeckt werden. Der Farbunterschied hängt vom Grad der Verfärbung und der Tiefe der Kavität 
  • Bei interdentalen Effekten fehlt der dentinfarbene Hintergrund. Das Gleiche gilt für Bulk-Fill-Komposite.
  • Es ist am besten, die Füllungsränder anzuschrägen, um keinen Blocker zu verwenden.
  • Material ist von weicher Konsistenz, so dass zur Erhaltung der okklusalen Morphologie zügig lichtgehärtet werden sollte.
  • Irrtümer bei der Farbwahl sind ausgeschlossen, da es nur eine Farbe gibt.
  • Das Material ist besonders im Molarenbereich geeignet.
  • Der Verbundwerkstoff ist leicht zu polieren.
  • Das Material haftet kaum an den verwendeten Instrumenten.
  • Das Komposit ist am effektivsten mit den VITA-Standardfarben A2, A3, B2, B3.
  • Seine Röntgentransparenz ist mit der der meisten Verbundwerkstoffe vergleichbar (Abb. 1).

In Abb. 1 wurde Zahn 15 distal mit OMNICHROMA FLOW Blocker und OMNICHROMA FLOW gefüllt. Die Zähne 16 und 17 wurden zuvor mit herkömmlichen Kompositen behandelt. Beachten Sie die gleiche Röntgentransparenz der verschiedenen Kompositarten. Das Komposit überzeugte die Testpersonen durch seine einfache Handhabung, Schnelligkeit und Wirkung. Im Durchschnitt wurde 20 Sekunden mit den folgenden Polymerisationslampen ausgehärtet: SPEC 3 LED von Coltène und Valo von Ultradent.


Grenzen des Materials

  • Für hochästhetische Versorgungen im Frontzahnbereich ist ein wenig Übung nötig.
  • Bei großen Füllungen im Frontbereich mit wechselnden Farbverläufen ist es besser, ein System mit Schmelz- und Dentinmassen zu verwenden.
  • Ab dem Vita-Farbton A4 stößt das Material an seine ästhetischen Grenzen. Dunklere Farbtöne machen die Füllungen mitunter zu hell. Hier ggf. mit einem dunkleren Blocker behelfen.
  • Das Komposit lässt sich nur schwer an den Vita A1-Farbton anpassen.
  • Die Inzisalkanten der Frontzähne.

Chamäleon-Komposit: Fallbeispiel 1

Ein 80-jähriger Patient stellt sich für eine Restauration von 15 distal und 16 mesio-okklusal vor (Abb. 2a–2c). Derselbe 80-jährige Patient erhält eine neue Versorgung 36 mesial und vestibulär. Der Zahn hat die Farbe A4 Vita (Abb. 3a). Mesial wurde es mit OMNICHROMA FLOW Blocker und OMNICHROMA FLOW gefüllt. Beachten Sie auch hier die hellere Farbe des Füllmaterials vor dem Aushärten. Die vestibulären Wurzeln sind nicht deutlich sichtbar. Sie wurden mit einem herkömmlichen Komposit gefüllt. Beachten Sie die Transluzenz des Materials und die schlechte Farbübereinstimmung von Zahn und Material (Abb. 3b).

Chamäleon-Komposit: Fallbeispiel 2

Füllung mit OMNICHROMA FLOW Blocker und OMNICHROMA FLOW nach Endo bei einer 24-jährigen Patientin. Beachten Sie erneut die hellere Farbe vor dem Aushärten (Abb. 4a–c).

Chamäleon-Komposit: Fallbeispiel 3

Ein 64-jähriger Patient stellte sich wegen einer mesialen Zahnverfärbung an Zahn 12 und vestibulären Defekten an den Zähnen 13, 14 und 15 vor. Zahn 12 wurde mit OMNICHROMA FLOW Blocker und OMNICHROMA FLOW behandelt. Die Zähne 13, 14 und 15 wurden nur vestibulär mit OMNICHROMA FLOW behandelt. Beachten Sie die schöne Farbanpassung des Materials an die Zähne (Abb. 5a–5c).


Praktische Konsequenzen

Die Anwender waren beeindruckt und überzeugt von der Einfachheit des Materials und seiner Handhabung. Der wichtigste Vorteil des Materials ist der Zeitgewinn durch den Wegfall der Farbauswahl sowie die geringere Auswahl des Materials und somit der schnelle Prozess zur Nach- bzw. Neubestellung des Materials. Es ist sicherlich noch zu früh, um zu behaupten, dass man mit dieser einen Farbe alle direkten Frontzahnrestaurationen abdecken kann. Dazu braucht man eine größere Anzahl von Patientenfällen, vor allem mit ungewöhnlichen Zahnfarben. Wenn das Material auf den Zahn aufgetragen wird, haben Sie Angst, dass es aushärtet, weil das Komposit weiß-opak erscheint. Sie glauben, dass Sie die Restauration neu legen müssen, weil die Farbe nicht passt. Nach der Polymerisation entsteht der „Wow“-Effekt, wenn das Füllungsmaterial auf dem Zahn nicht mehr zu erkennen ist und sich die Farbe der Füllung fast vollständig in den Zahn integriert hat. Das ist ein neues Gefühl. Keine Überraschungen mehr, keine Ausreden mehr, um die Farbe zu rechtfertigen. „Sie können die Schönheit des Materials bewundern, aber die Form der Restauration wird bestimmt durch das handwerkliche Geschick des Zahnarztes!“

Es bleibt abzuwarten, was die unabhängige Forschung über dieses Material zu sagen hat. Das Material hat zweifelsohne eine große Zukunft in der täglichen Praxis im Bereich der konservierenden Füllungstherapie. Eine spannende Geschichte und ein Stoff, der Fantasie bietet, um in Zukunft verschiedene Füllkonzepte auszuprobieren.


Der Experte

Foto: Privat

Dr. Tom Verhofstadt
niedergelassen in eigener Praxis in Kevelaer